THE STORY OF CROSS ROAD BLUES

CROSS ROAD BLUES

An der Kreuzung von Dichtung und Wahrheit.

Robert Johnson’s posthumer Weg zum virtuellen Popstar.

Von Al Cook

1936…..

Der gescheiterte Postkartenmaler aus Braunau eröffnet in Berlin die olympischen Sommerspiele und muß hilflos zusehen, wie der schwarze Jesse Owens die „überlegene arische Rasse“ hinter sich läßt. Indigniert verweigert der „deutscheste aller Deutschen“ dem „Nigger“ den Handschlag für die Goldmedaille und verläßt blamiert das Stadion.

Ja, sie haben es gelernt, die Schwarzen, wie man den Bluthunden der Klan-Sheriffs entkommt, denn es gab in jenen Tagen ein ungeschriebenes Gesetz im Süden, das den Farbigen verbot, sich nach Sonnenuntergang noch auf der Straße blicken zu lassen.

San Antonio, Texas, November desselben Jahres.

Der Großteil von Johnson’s Plattenrepertoire ist im Kasten. Er wartet an einer Bushaltestelle, wahrscheinlich an einer Kreuzung und der Bus kommt nicht, oder ist bereits abgefahren. Die Sonne sinkt, Bobby bekommt kalte Schweißperlen auf der Stirn uund er versucht per Anhalter ins Hotel zu kommen, wo er während der Aufnahmen untergebracht war, aber niemand hält an, weil ihn keiner kennt. Im tiefsten Texas wünscht er sich einen Freund, den armen Willie Brown herbei, der ihm aus dieser Scheiße helfen soll. Resignierend sinkt der scheppernde Robert zu Boden und ihn der Tat greift ihn die Highway Patrol und wirft ihn in den Karzer. Man zertrümmert seine Gitarre und gibt ihm die Knute.


Erst am nächsten Morgen löst ihn Don Law, der weiße Aufnahmeleiter aus und Robert Johnson kann weitermachen.

Tags zuvor, nahm er nur eine einzige Nummer auf, nämlich den 32-20 Blues. Das Leben der Schwarzen war ein permanentes Hazardspiel und die Pistolenkaliber über die gesungen wurde, wechselten je nach Interpretation von 44 zu 38 Special.

Was tatsächlich passiert war an diesem Tag weiß heute keiner mehr. Man sagt, daß Betrunkene die Techniker mit Messern attackierten und die Matrizen mit Billardstöcken zerschlagen haben sollen. Im heute nicht mehr existenten Blue Bonnet Hotel (nicht, wie kolpotiert, im Gunter) hatte eine lokale Radiostation eine Etage gemietet, um weiße Country- und mexikanische Tanzmusiker aufzunehmen. Es ist daher höchst unwahrscheinlich, daß Unbefugte Zugang zu den Aufnahmeörtlichkeiten hatten. Wahrscheinlich war man mit der Chuck Wagon Gang, dem Gitarrenduo Andres Berlanga und Francisco Montalvo beschäftigt und hatte für den Gitarrenteufel aus dem Delta nur mehr eine oder zwei Alu-Rohlinge frei.

Als John Hammond sen. Robert Johnson für sein Spiritual to Swing Konzert haben wollte, war Robert schon tot und Don Law witterte scheinbar Publicity und erzählte die wildesten Schauergeschichten um eine noch irgendwo existierende 30. Nummer, die der Zerstörungswut des Mobs entgangen sein muß. Offensichtlich haben später halbgebildete Jazzjournalisten die Legende unfreiwillig noch zum Mythos hochkolpotiert, und so wurde der von tausend Teufeln getriebene Robert Johnson zur überirdischen Bluesikone. Zu seiner Zeit war Johnson nichts als ein postpubertärer Herumtreiber, der laut Johnny Shines‘ Schilderungen sich besoff und ein „Hosenpisser“ war. Son House bezeichnete ihn als „Monkey Man“, also als einen, der solange vor den Weibern herumscharwenzelte, bis er hat, was er will und sich dann wortlos aus dem Staub macht (Siehe „Walking Blues“).


Aber nun zurück zum „Cross Road Blues“.

Die Plattenfirmen verlangten damals, daß man wenigsten vier selbst komponierte Stücke vorweisen mußte, um zu einer Aufnahme zu kommen. Das melodische Repertoire der meisten Bluessänger war auf zwei oder drei Muster beschränkt, die sich nur durch den Textinhalt unterschieden. Im Blues spielt die melodische oder stilistische Vielfalt eine untergeordnete Rolle. Das Instrument hat nur die Funktion eines den Sänger bestätigenden Gesprächspartners. Heißt es doch: He makes his guitar talk“. Also, die superschnellen Gitarrenfuzzis, die glauben, das Griffbrett mit einer Rennbahn verwechseln zu müssen, sind zumindest in der Bluesmusik am Holzweg und mein Ausdruck „Monzagitarrist“ trifft für diese Leute sicher zu.

Man wollte damals von Schwarzen nur Blues aufnehmen, denn womit asssoziiert man denn den Cotton-Picker? Also mußte noch ein deftiger Blues her. Da mag Robert noch der „Croos Road Blues“ eingefallen sein und so wurde ein sogenannter Studiosong draus. Kein Zeitgenosse kann sich erinnern, daß er die Nummer live gesungen hat. Robert’s Hit war damals der „Terraplane Blues“ und die aktuellen Tagesschlager wie „How Long Blues“ und ein paar Ragtimestücke, wie z.B. das total aus der Art schlagende “ They’re Red Hot“ beweist. Wie auch heute, versuchten die Bluessänger auch damals, ihr Publikum zu unterhalten indem sie es den großen Stars aus den Großstädten gleichzutun versuchten. Der Gitarrist Lonnie Johnson war ein allseits bewunderter Capo auf seinem Instrument und Robert bezeichnete ihn frech als „Cousin“, denn er wollte wie sein berühmter Namensvetter klingen. Robert nahm zwei Nummern in Lonnie’s Stil auf und mußte aber seinen aggressiv-schneidenen Gesang auf Lonnie’s selbstmitleidig klingende Stimme anpassen. Das Ergebnis aber waren, zwei etwas jämmerlich geratene Imitationen, nämlich „Malted Milk“ und „Drunken Hearted Man“. Robert konnte tun was er wollte, schwarz und weiß liebte seinen „Terraplane Blues“.

Wie es aber mit der Odysee des Teufelsmärchens an der Kreuzung weitergeht, möchte ich euch in der nächsten Folge erzählen.

Euer Al Cook

The White King Of Black Blues.