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WER HAT DAS MONOPOL AUF DEN BLUES
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WER HAT DAS MONOPOL AUF DEN BLUES
(c) by Al Cook 2013
 

Daß die alleinige Urheberschaft der gesamten Blueskultur Amerikas seiner schwarzen Bevölkerung zuzurechnen ist, ist offenbar auch einem Musikantenstadler aus Hintergugelbrunn bekannt. Wenn es aber um das Exklusivrecht für die alleinige Glaubwürdigkeit der Interpretation geht, sieht die Sache schon etwas anders aus. Kritisch und vorallem objektiv betrachtet, ist die Theorie der ethnogenetischen Vorprogrammierung auf Grund Afro-Amerikanischer Herkunft nicht nur umstritten, sondern schlichtweg unhaltbar geworden.
Natürlich ist der Blues seitens der Weißen nur geliehene oder anderwertig angeeignete Musik, der der entsprechende kulturelle Hintergrund fehlt, aber wie verhält es sich mit der abendländischen Klassik, deren fernöstliche Interpreten diskussionslos akzeptiert und anerkannt werden? Deren ethnokulturelle Herkunft ist bekanntlich noch um Welten entfernter, als wir es von Schwarzamerika jemals sein können. Es war mir daher schon seit jeher ein primäres Bedürfnis, diese Frage ausreichend zu behandeln, was ich mit dem folgenden Absatz auch beabsichtige.

Ich kannte genug Afroamerikaner, die von ihrer eigenen Musikgeschichte keinen Schimmer hatten. Als ich vor Jahren einen schwarzen Musiker zu Gast hatte, fragte ich ihn unter anderem, ob er in der Schule etwas von Blind Lemon Jefferson, Ma Rainey, Bessie Smith oder Son House gehört hatte....Nicht daß er wüßte. Robert Johnson, ist das nicht vielleicht ein Baseballstar...oder wie hieß der nochmal?
Ach ja, B.B. King und Muddy Waters... die kannte er, denn sie traten neben Ray Charles auch im Fernsehen auf. Aber waren die nicht schon alt? Waren doch Chuck Berry, Little Richard und Fats Domino schon betagte Haudegen.
Darauf zeigte ich ihm, wie die Altvorderen gespielt haben und illustrierte das Ganze noch durch Fotos und Platten aus Johnny Parths Roots-Records Serie. Doch der Blick meines Gastes verriet untrüglich, daß er mit dem Zeug, das ich ihm da vorspielte, nicht sonderlich viel anfangen konnte. Das Märchen von der bluesgenetischen Vorprogrammierung der Schwarzamerikaner war damit gründlich widerlegt.
Natürlich paßt ein schwarzes Gesicht allemal besser zum Blues, als eine Proletenvisage aus Favoriten, aber ein ethnologischer Glaubwürdigkeitsbeweis läßt sich davon nicht ableiten.
Diese Tatsachen machten mir unmißverständlich klar, daß die Afroamerikanische Kultur seit jeher einen progressiven Charakter hatte, dem der Traditionsbegriff wie wir ihn kennen und pflegen, weitgehend unbekannt ist....Übrigens, auch der weiße Bevölkerungsteil der USA hat bis auf eine Schichte verschworener Bluegrass-Fans keine Ahnung, wer Larry Hensley, Riley Puckett oder Doc Boggs war.
Soul, Funk, Hip Hop, Rap oder der in den Südstaaten allgegenwärtige Nashville-Kommerz regieren bereits seit Jahrzehnten den Massengeschmack eines gleichgeschalteten und globalisierten Publikums, während die, noch bis in die frühen 60er vorhandenen Reste ethnischer Musikkultur in den USA zum Aussterben verurteilt sind.
Von den Anfängen der Soulbewegung in den frühen 60ern bis zu den heutigen Superstars wie Michael Jackson, Prince oder gar Barry White und P. Diddy rückt das schwarze Amerika schon seit fünfzig Jahren von seiner ursprünglichen Identität als Träger der Blueshistorie kontinuierlich ab.   Der Trend bewegt sich auch innerhalb der schwarzamerikanischen Gesellschaft eindeutig in Richtung globalisierter Popkultur, die keinen ethnologisch auszumachenden Wesenszug mehr kennt.
Daraus folgt die Tatsache, daß in irgendwelchen Flagstop-Kaffs in den Backwoods von South Carolina das gleiche Zeug gespielt wird, wie in Tokio, Moskau oder Wien.
Betrachtet man auch das Treiben diverser Soul und Funk Ladies, von Aretha Franklin bis Tina Turner, offenbart sich dieser bewußte Exodus aus der Bluestradition auf jeder Linie. Tina, die ja in ihrer verfilmten Biografie statuierte, daß sie diesen gottverdammten Blues nicht mehr singen wolle, sprach ja das offen aus, was die Schwarzen eigentlich von ihrer eigenen Musikgeschichte halten. Von Typen, wie Dionne Warwick, Beyonce oder Rihanna gar nicht zu reden. Die Kette dieser Stars könnte man beliebig verlängern. Wären da nicht ein paar Weiße gewesen, die den Blues von der Müllkippe der Musikgeschichte zurückgeholt hatten, keiner wüßte in zwanzig Jahren mehr, wer Blind Lemon oder Charley Patton war.
Fazit: Für die Schwarzen hat es sich seit der Bürgerrechtsbewegung eindeutig ausgebluest, denn mit dem Ableben der in den 60ern wiederentdeckten Bluesbarden aus der Zwischenkriegszeit ist diese Kultur als lebende Ausdrucksform endgültig mitgegangen. Wenn auch diverse jüngere Musiker wie Taj Mahal, Keb Mo, oder Eric Bibb mal in die Klassiklade greifen; von der Mentalität eines Son House oder Robert Johnson sind diese Herrschaften aber meilenweit entfernt.

Es waren wie gesagt, die weißen Intellektuellen, die dem Blues durch eine weltweite Folk-Music Renaissance die verdiente Unsterblichkeit verliehen. Begonnen hat diese Geschichte eindeutig zu Weihnachten 1938, als John Hammond sen. sein legendäres „Spiritual To Swing“ Konzert veranstaltete und einem gutbürgerlichen Kulturschnöselpublikum vorführte, was sich in Amerika abseits George Gershwins Showboatkitsch an schwarzer Musik wirklich tat. Leider war die allererste Bluesgeneration schon in den ewigen Jagdgründen, aber man konnte wenigstens Big Bill Broonzy hören, wenngleich er eher untypisch für ihn, auf Protestbluesler machen mußte. Aber es war ein Anfang..
Als die Schwarzen im Zuge dessen nach und nach erkannten, daß Weiße mit ihren abgelegten Kleidern Geld machten, schrieen sie Zeter und Mordio und klagten uns an, ihre Musik gestohlen zu haben. In Wahrheit ging es ihnen wie so oft, ausschließlich ums Geld...der Blues interessierte die sowieso seit langem nicht mehr.  

Unter Black Blues versteht man heutzutage vielleicht noch B.B. King und ein paar Klimperanten aus der vierten Generation, denen man eine Gitarre in die Hand drückt, bloß weil sie genetische Nachfahren von Muddy Waters oder John Lee Hooker sind. Was dabei herauskommt, kann man ja auf diversen Festivals beobachten. Sobald diese Herrschaften von der Bühne gehen, wandert der Blues mitsamt der Gitarre in den Koffer, darauf kann man getrost einen lassen....
Auch unter Begriffen wie Roots- und Ethnomusik versteht man heutzutage die mit Popelementen verkochten Karibik- und diversen Afrosounds. Neuerdings aber marschiert der Blues nach seinem Untergang zu neuem Leben erweckt, unter der Flagge zeitgenössischer Popkultur. Da braucht man sich als echter Fan keine Illusionen mehr zu machen. Man nennt das großzügig Weiterentwicklung und zeitgemäße Interpretation. Dabei wird nicht selten historisches Kulturgut den aktuellen Hörgewohnheiten angepaßt und pietätlos bis zur Unkenntlichkeit entstellt, um am schnellebigen Markt zu punkten. Das Produkt wird dem Durchschnittsverbraucher dann als Blues oder Jazz verkauft.
Von Muddy Waters' „Electric Mud“ und Howlin' Wolfs "London Sessions" bis John Lee Hookers „Healer“ und somanchen weiteren Machwerken reicht der Reigen popkultureller Vergewaltigung des Blues bis in die heutige Zeit.
Nur Son House wagte es als einziger unter den Blueskünstlern, gegen diese karzinösen Auswüchse des Bluesbegriffes Stellung zu nehmen.
„That's no blues“ statuierte er mit fester Stimme. „That's monkey junk!“ Aber wahrscheinlich haben sie den alten Mann ob seiner historischen Bedeutung halt reden lassen. Ernstgenommen hat ihn damals von den um ihn herumhockenden Woodstocker Langhaardackeln sowieso keiner.
Auch ich habe seit den 90er Jahren immer wieder versucht, den Blues vom Einfluß der Popkultur freizuhalten. Leider gelang es mir durch meinen schwindenden Einfluß in der Szene nicht mehr, tragfähige Akzente zu setzen, da mir eindeutig die medialen Machtmittel fehlten, dieses Problem ernsthaft zur Diskussion zu stellen.
Den nachkommenden Generationen fehlte ganz einfach das Empfinden für Stil- und Traditionsbewußtsein. Wohl kein Wunder, denn die Entwicklung des Kunst- und Kulturlebens wird seit Jahrzehnten von der globalisierten Medienpolitik der New-Age Ideologie  bestimmt und dagegen anzukämpfen, ist mittlerweile zur aussichtslosen Sisyphosarbeit geworden.